Rede zur Beschlussempfehlung: “Mehr Transparenz bei der Besetzung von Intendantenstellen”

Rede in der Plenarsitzung vom 04. Mai 2017 im Abgeordnetenhaus zur Beschlussempfehlung “Mehr Transparenz bei der Besetzung von  Intendantenstellen” (Drucksachen 18/0038 und 18/0288)


 

Sehr  geehrte  Frau  Präsidentin! Werte  Kollegen  und  Kolleginnen!  Werte  Gäste!

Die  Fraktion  der  FDP  fordert  mehr Transparenz bei der Besetzung von Intendantenstellen. Das  ist  jetzt  erst  mal  nicht  so  der  Burner.  Sie  haben  ja  sicher durch die Beiträge aller meiner Vorredner

gemerkt, dass diese Forderung vom gesamten Haus getragen wird. Ihr  Antrag  aber  ist  weder  durchdacht,  noch  enthält  er  konkrete  Vorschläge,  wie  sich  die  Situation  verbessern  könnte. Er ist oberflächlich formuliert und bleibt zu vage. Na ja, ich bin ja auch schon froh, dass keine historischen Flughäfen drin vorkamen und dass er nicht gereimt war.

Apropos  Reime:  Auf  diesen  Antrag  kann  ich  mir  keinen  Reim  machen.  Sie  vermischen  hier  drei  völlig  verschiedene  Ebenen.  Es  geht  um  Konzeption,  Transparenz  und  Partizipation. Zum  Ersten  kann  es  kein  allgemeingültiges  Konzept  für  die  Besetzung  einzelner  Häuser  in  einer  so  vielfältigen  Kulturlandschaft  wie  Berlin  geben.  Das  muss  und  wird  für jede Kultureinrichtung individuell ausgearbeitet.

Zum Zweiten geht es um Transparenz. Was verstehen Sie darunter?   Das   müssen   Sie   präzisieren.   Hinterher  für  Transparenz  zu  erklären,  was  rausgekommen  ist,  das  reicht nicht. Wir sind auf jeden Fall für Transparenz, aber von Anfang an: Klare Kriterien, nach denen besetzt werden  soll,  ein  faires,  ergebnisoffenes  Auswahlverfahren  und eine gut und belastbar begründete Ernennung!

Drittens  geht  es  um  Partizipation.  Die  ist  auch  meiner  Meinung  nach  selbstverständlich  notwendig  –  die  Einbeziehung  des  Ensembles,  der  Mitarbeiter  und  Mitarbeiterinnen  und  der  Leitungsebene  in  den  Entscheidungsprozess. Aber wie stellen Sie sich das konkret vor? Wir sind für die aktive Mitwirkung in Findungskommissionen.

Ich  versuche  das  noch  mal  so  zu  erklären,  dass  auch  die  Kollegen  von  der  FDP  eine  Ahnung  haben,  worum  es  geht. Da ist zum einen die kulturpolitische Ebene, auf der der  Senat  agiert.  Hier  geht  es  um  die  kulturelle  Identität  des  Landes.  Dazu  gehört  die  Berliner  Schnauze  genauso  wie die Summe der Kulturangebote. Da spielen die Theater,  die  Chöre,  die  Orchester,  die  Opernhäuser  in  dieser  Stadt eine entscheidende Rolle.

Jedes Haus hat sein eigenes  Profil,  seinen  eigenen  Stil,  seine  eigene  Form.  Theater  sind  keine  Immobilien,  sondern  sie  sind  Lebewesen.  Sie  sind  ganz  sensible  Organismen.  Diese  Häuser  vertrauen  wir  Intendanten  und  Intendantinnen  an.  Sie  leiten  diese dann, sie entdecken und motivieren die völlig unterschiedlichen   Talente   und   besonderen   Fähigkeiten   der   Ensembles,  der  Werkstätten  und  der  Gäste,  und  sie  nutzen  die  technischen  und  räumlichen  Möglichkeiten,  um  ihr  Publikum  zu  halten  und  ein  neues  Publikum  zu  fesseln. Das  muss  alles  zusammenpassen.  Da  entsteht  in  jeder  Intendanz  eine  Schicksalsgemeinschaft,  im  besten  Fall  eine  Ära.  Hier  die  richtigen  Künstler  und  Künstlerinnen  zusammenzubringen,  ist  die  hohe  Kunst.  Dafür  gibt  es  kein  Universalrezept.

Jedes  Haus  ist  anders,  hat  eine  eigene  Geschichte  und  hat  eine  eigene  Seele.  Je  stärker  die  Identifikation  aller  Mitarbeiter  und  Mitarbeiterinnen,  aller  Darsteller  und  Darstellerinnen,  aller  Techniker  und  Technikerinnen und aller künstlerischen Leiter und Leiterinnen  ist,  desto  stärker  wirkt  das  Haus  und  desto  stärker  wird  es  sich  in  die  Identität  Berlins  einbrennen.  Das  haben wir gerade an der Volksbühne sehr eindringlich erleben  dürfen.

Natürlich  kann  das  keine  Senatorin  und  kein  Senator  allein  entscheiden.  Hier  kann  und  muss  es  eine  individuelle  Findungskommission  geben.  Für  mich  ist  es  völlig  selbstverständlich,  dass  in  diesen  Findungskommissionen  die  Mitarbeiter  und  Mitarbeiterinnen,  die  Ensembles vertreten sind.

Noch  ein  Wort  zur  öffentlichen  Diskussion:  So  ziemlich  jede neue Intendantin, jeder neue Intendant ist am Anfang heftig  umstritten.  Menschen  sträuben  sich  nun  mal  instinktiv  gegen  neue  Ideen.  Sie  haben  Angst  vor  Veränderungen. Aber das ist für Sie ja nichts Neues. Was erzähle ich Ihnen? Das erklärt ja auch Ihren bescheidenen Erfolg.

Veränderung  ist  aber  gerade  im  Kulturbetrieb  unerlässlich.  Unsere  Bühnen  sollen  schließlich  keine  Museen  sein.  Wir  sehen  dort  den  Jungbrunnen  unserer  Gesellschaft.  Gerade  Berlin  weiß  doch,  dass  wir  uns  nur  dann  treu  bleiben,  wenn  wir  uns  ständig  neu  erfinden,  wenn  wir  mutig  sind  und  Neues  ausprobieren.  Dazu  brauchen  wir  die  mutigsten,  die  visionärsten,  die  frechsten  Kreativen, die wir kriegen können. Dass diese Herausforderung mit  dem  Blick  auf  die  kreative  Vielfalt  der  ganzen  Stadt  angenommen  wird  und  diese  Aufgabe  fair  und  transparent  umgesetzt  und  mit  klaren  Zielvereinbarungen  und  großem  Vertrauen  gemeinsam  angegangen  wird,  haben  wir uns als neue Regierung in das Programm geschrieben.

Werte  Kollegen  und  Kolleginnen  von  der  Opposition!  Nehmen Sie uns einfach beim Wort! –

Vielen Dank!


 

Auszug aus dem Plenarprotoll 18/010, Seite 933f

Link Plenarprotokoll: https://www.parlament-berlin.de/ados/18/IIIPlen/protokoll/plen18-010-pp.pdf

Link Antrag: https://www.parlament-berlin.de/ados/18/IIIPlen/vorgang/d18-0038.pdf

Link Beschlussempfehlung: https://www.parlament-berlin.de/ados/18/IIIPlen/vorgang/d18-0288.pdf

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